Es gibt Menschen die bereits durch ihr
Erscheinungsbild keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie
allen niederen Anfeindungen erhobenen Hauptes die Stirn bieten.
Diese Menschen haben in der Regel ein offenes Gesicht und wenn sie
lächeln bilden sich hinreißende Grübchen auf beiden Wangen. Sind
diese Wesen weiblich, verblasst ihre Selbstsicherheit auch im
Alter nicht. Sind sie männlich, neigen sie ab fünfzig zur
Nachgiebigkeit. Dessen ungeachtet haben beide Gattungen einen Hang
zu Ehepartnern die ihnen in ihrer Liebenswürdigkeit in nichts
nachstehen und an schönen Sommerabenden wandeln sie mit diesen
durch die virtuos komponierten Blumenrabatten ihres
Bauerngärtchens. Das Einzige was diese
Individuen aus den wohlgeordneten Bahnen ihres Lebens
herauskatapultiert, ist ihre Sammelleidenschaft für Leichen. Nicht
dass daran etwas Absonderliches wäre. Im Gegenteil. Es ist eine
Beschäftigung, die, wie jede andere der Entspannung dienende
Tätigkeit auch, den Zeiten des Lebens sinnwahrende Bedeutung
verleiht, die nicht durch lebenssichernde Umtriebigkeiten geprägt
sind. Allerdings ist die Besessenheit, mit der diese Geschöpfe den
Objekten ihrer Begierde nachjagen, befremdlich.
Auch Magdalena frönte einer
Sammelleidenschaft. Aber sie war wankelmütig. Im Laufe ihres
Lebens hatten sich ihre Vorlieben so vielfältigen Strömungen
unterworfen, dass niemand wusste welchen Dingen sie sich als
nächstes zuwenden würde. Auch Gustav wusste es nicht und am
wenigsten konnte Magdalena selbst darüber Auskunft geben.
Vorhersehbar war allein Magdalenas absonderliches Gelächter, das
verlässlich mit jedem ihrer neuen Sammelanfälle einherging.
Denn Magdalenas größte Befriedigung war es,
sich immer ausgefalleneren Sammelneigungen hinzugeben. Ja, man
muss der Vollständigkeit halber erwähnen, dass sie von einer
außerordentlichen, noch niemals vorher da gewesenen Sammlung
träumte. Und dieser Wunsch veranlasste Magdalena zu immer
kurioseren Ideen und Gustav ein ums andere Mal zu der
Feststellung, er sei eine arme Seele. Anfänglich überging
Magdalena diesen Stoßseufzer. Aber mit der Zeit bemerkte sie, dass
dieser Seufzer in ihr ein sonderbares Verlangen auslöste. Tief in
ihrem Inneren nistete sich dieses Verlangen ein, wo es
eigenmächtig Wurzeln schlug und ohne ihr Zutun glückverheißende
Blüten trieb.
„Rostige Bratpfannen? Meine
Liebe findest du nicht
auch …?“
„Sie gefallen dir nicht,
Gustav?“
„Nein Magdalena. Wenn ich
ehrlich bin, sie gefallen mir nicht sonderlich.“
„Dann haben dir die
Dachziegeln auch nicht zugesagt?“
„Nein Magdalena, die Dachziegeln auf
den Fensterbänken auch nicht. Und auch nicht die achtundzwanzig
Regenschirme. Und wenn wir schon einmal dabei sind …“
Das Licht der untergehenden Sonne
irrlichterte in Magdalenas Augen. „Ja, ich
weiß. Du bist eine arme Seele.“
Gustav wollte sich in Bezug auf
Magdalenas Seele nicht zu einer unüberlegten Bemerkung hinreißen
lassen. „Also, wie gesagt, wenn wir schon einmal dabei sind,
du könntest deine Aktivitäten eventuell auf etwas Gefälligeres
verlegen, auf etwas weniger Exzentrisches. Auf etwas, das
vielleicht ausnahmsweise den Sinnen schmeichelt. Düfte zum
Beispiel. Düfte schmeicheln ungemein.“ Gustav lächelte Magdalena
gewinnend an. “Ja ich denke wirklich, du könntest Kräuter
sammeln.“
„Kräuter, Gustav? Du meinst allen
Ernstes ich soll Kräuter sammeln? Bis an mein Lebensende? Ich soll
ein altes Weib werden, mit Hakennase und mit einem Weidenkorb auf
dem Rücken? Ich soll krumm werden mit den Jahren Gustav … krumm?
Gustav! Ich müsste mir einen Gehstock aus Buchenholz schnitzen …
und ich würde wahrscheinlich niemals mehr die Kraft haben diese
eine Sammlung ...“
Unglücklicherweise erfuhr Gustav
vorerst nicht, wozu Magdalena voraussichtlich niemals mehr die
Kraft haben würde. Weil Magdalena dieser Unterhaltung kurzerhand
ein Ende setzte, indem sie wie leblos auf den Dielenboden sank und
ernsthaft krank wurde. Tagelang wälzte sie sich phantasierend im
Fieber durch wirre Träume und nachts schlug sie sich am
Bettpfosten die Fußknöchel blutig. Am sechsten Tag faltete
Magdalena die Hände über der Bettdecke.
„Ich werde sterben, Gustav. “
„Blödsinn,“ sagte Gustav. Lächelnd
wickelte er sterile Mullbinden um Magdalenas nässende Wunden und
schichtete Eiskompressen aus dem Tiefkühlfach auf ihre Stirn.
„Es hilft nichts,“ sagte Magdalena und
starrte zur Zimmerdecke „wenn ich Kräuter sammeln muss, will ich
sterben.“
„Was für eine törichte Idee. Es stirbt
sich nicht so mir nichts dir nichts. Es gehört schon ein bisschen
mehr dazu als ein paar Grad zu viel auf dem Fieberthermometer …
und schließlich und letztendlich … niemand stirbt, nur wegen einer
belanglosen Meinungsverschiedenheit.“
„Einige schon,“ zischte Magdalena.
Erfreulicherweise
gehörte Gustav nicht zu der Sorte Mensch, die sich durch offen
ausgesprochene Morddrohungen verärgern ließ. Gustav war
warmherzig. Und da mit dieser Eigenschaft ein angenehmer Grad an
Kreativität einherging, hob Magdalena mit milder Neugier den Kopf
vom Kissen.
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